In Love with KARLOTTA - Lyravox
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In Love with KARLOTTA

Philipp Schneckenburger von HiFi EinsNull hat als erster Audio-Redakteur die brandneue KARLOTTA getestet. Für Überschwang ist er generell nicht bekannt, dennoch schreibt er angesichts des packenden Klangs von KARLOTTA zum ersten mal von Liebe! Lesen Sie den Test hier oder in der Originalfassung als PDF.

Geteilte Freude

Lyravox hatte immer zwei Fundamente, auf denen ihre Produkte aufbauten. Beide fi nden sich auch bei ihrem neuesten System wieder, doch der Fokus hat sich nun leicht verschoben. Mit den Stereomaster-Systemen verfolgte die Hamburger Audiomanufaktur Lyravox einen einzigartigen Ansatz. Eine komplette HiFi-Anlage in einem Gerät, das dabei nicht aussehen soll wie ein klassischer Turm, sondern stattdessen auch als Designelement gelten kann. Das Ziel wurde erreicht, und wo immer man eines der Geräte sah, es machte Eindruck. Die extrem breiten Systeme mit bis zu 2,4 Metern Spannweite, bestehend aus elegant geschwungenen Hölzern, eingekleidet in feinsten Lack und verziert mit edlen Metallapplikationen, sahen stets beeindruckend aus, waren handwerklich ganz weit vorne und auch wer dem Design vielleicht nicht direkt etwas abgewinnen konnte, der musste zumindest eingestehen, dass ein Stereomaster etwas Einzigartiges an sich hatte. Trotzdem legte man bei den Hanseaten großen Wert auf die verwendete Technik der eigenen Geräte: hochwertige digitale Hardware, kräftige Endstufen und nicht zuletzt feinste Lautsprecher- Chassis, die genau auf das jeweilige Gerät abgestimmt wurden. Trotzdem sollen sich die Stereomaster-Systeme eben nicht an den klassischen Audiophilen richten, sondern eigentlich eher Freunde schöner Designlösungen mit Faible für gute Musik ansprechen. Mit den beiden neuen Systemen soll der Fokus vom Design auf die Musikwiedergabe wandern, natürlich ohne dabei nun auf elegante Optik verzichten zu müssen. Unter dem Namen Karl für das große Modell und Karlotta für unsere etwas kleinere Testversion entfernt man sich nun also schon einmal insoweit vom All-in-one-Prinzip, als dass man eine klassische Stereo- Anordnung mit einem Gerät auf der linken und einem auf der rechten Seite erhält. Auf den ersten Blick sieht Karlotta also aus wie ein Paar klassischer Aktivlautsprecher, was zwar den Kern der Sache nicht voll, aber zumindest annähernd triff t, denn der Aufbau der beiden Seiten untereinander und die Fähigkeiten des Systems im Ganzen unterscheiden sich hier deutlich. Identisch ist trotzdem erst einmal der Aufbau. Rechte und linke Seite bestehen hier nicht aus einem einzigen Lautsprechergehäuse, sondern aus kleineren Sektionen, die jeweils einen anderen Treiber enthalten. Je nach eingesetztem Chassis ist dabei das Gehäusevolumen unterschiedlich angelegt. Die einzelnen Segmente sind nicht einfach aufeinander geschraubt, sondern über schmalere Brücken miteinander verbunden, wodurch zwischen den Sektionen jeweils ein kleiner off ener Spalt bleibt, durch den das System weniger massiv wirkt und gleichzeitig ein ungewöhnliches, modernes Design aufweist.

Während die Front recht breit gestaltet wurde, reicht das Gehäuse mit etwa 20 Zentimetern nicht besonders weit in die Tiefe. Das erledigt dafür Karlottas knapp 40 Zentimeter tiefer Fuß aus Schiefer, der den leicht nach hinten angewinkelten Lautsprechern nicht nur einen stabilen Halt verschaff t, sondern auch akustisch vorteilhaft agiert. Durch die recht weit herausragende Fußplatte kommt man als Nutzer nämlich nicht in die Verlegenheit, die Lautsprecher direkt an einer Wand zu platzieren, sondern stets zumindest einen gewissen Abstand zu wahren. So steht das System im modischen Apartment dem Gefühl nach nicht im Weg, bleibt aber akustisch gesehen trotzdem eher im optimalen Bereich. Wie schon bei den Stereomastern setzen die Hanseaten auch bei Karlotta nicht einfach auf irgendwelche Treiber, sondern wählten mit Bedacht aus einer Auswahl hochwertiger Chassis. Auf beiden Seiten fi nden sich so je ein Accuton-Cell-Hochtöner mit 30 Millimetern, bestehend aus Keramik in der mittleren Lautsprechersektion. Die oberen und unteren Sektionen hingegen sind mit jeweils einem C173-Tiefmitteltöner des gleichen Herstellers bestückt, bestehen aus dem gleichen Material und dienten mehr oder weniger sogar als Designinspiration für das komplette System, das standardmäßig im gleichen schwarz-weißen Farbschema geliefert wird. Wie bei Lyravox üblich, wird dem persönlichen Farbgeschmack des Kunden aber natürlich  freien Lauf gelassen, und wer das stylische Design zugunsten einer anderen Farbe verändern möchte, bekommt seinen Wunsch natürlich erfüllt. Neben diesen beiden Treibern bietet Karlotta noch zusätzliche Schallwandler, die jedoch eher unsichtbar in die Rückseite eingearbeitet wurden. So sorgen pro Seite jeweils zwei Vifa-XT-25-Hochton-Ringradiatoren für ein akustisches Diff usfeld. Für die passende Bassuntermalung sorgt ein einzig auf der linken Seite verbauter Zwölf-Zoll-Subwoofer von Scan- Speak, dessen Positionierung und Abstrahlrichtung dazu dienen, nicht direkt auf den Hörer einzuwirken, sondern ebenfalls eine unortbare Tieftonuntermalung für die Musik zu liefern, anstatt die anderen Treiber mit seinem Spiel zu erdrücken. Die eigentliche Hauptarbeit im Tiefton wird bei Karlotta nämlich von den vier Tiefmitteltönern erledigt, die bis knapp 50 Hz heruntergehen, während der Subwoofer hier bereits langsam ausläuft. Auf Leistung muss man bei Lyravox natürlich auch nicht verzichten, denn schließlich nützt das beste Chassis nichts, wenn man es nicht auch anständig in Bewegung versetzen kann.

Mit einer Systemleistung von knapp 3000 Watt ist man bei Karlotta auf der sicheren Seite. Verteilt auf sechs Class- D-Endstufen mit je etwa 500 Watt ist hier ein ernst zu nehmender Schalldruck erreichbar, der für die Auslegung des Systems auf Räume mit bis zu 75 Quadratmetern mehr als ausreicht. Anders als bei den meisten Aktivlautsprechern dieser Größe sind die Pascal- S-PRO2-Verstärkermodule jedoch nicht auf beide Boxen verteilt, sondern arbeiten allein in Karlottas rechter Seite. Dort wo sich gegenüber nämlich der große Subwoofer befi ndet, sitzen hier Herz und Hirn des Systems, verkleidet von einer polierten Kupferabdeckung. Es wird also nur ein Stromkabel benötigt, während der zweite Lautsprecher mit der zugehörigen Verbindung passiv versorgt wird. Doch nicht nur die Endstufen befinden sich rechts, denn wie schon bei den Stereomaster-Systemen kümmert sich ein achtkanaliger 3-Kern-DSP um die richtige Zuordnung der Signale zu den einzelnen Chassis. Gerade hier wurde von Lyravox natürlich viel Zeit investiert, um aus den verbauten Komponenten schließlich auch das beste Klangergebnis herauszuholen. Besitzer einer Karlotta wird bei der Aufstellung übrigens ein eigens eingerichtetes Setup eingestellt, das die Besonderheiten des jeweiligen Raumes berücksichtigt. Als echtes Komplettsystem darf allerdings auch die Quellenwiedergabe nicht fehlen, so dass auch die dazu notwendige Technik im unteren Segment der rechten Seite Platz fi ndet. So findet man hier Anschlüsse für analoge Geräte, oder solche, die ihre digitalen Signale per S/PDIF weitergeben. Für die schnelle Einbindung von Smartphones steht außerdem ein Bluetooth-Modul bereit, das mit dem verlustfreien AptX- Standard arbeitet. Doch eigentlich steht die Nutzung externer Quellen ein wenig entgegen dem Nutzungsprinzip von Karlotta, die in der Lage ist, den üblichen HiFi-Turm vollständig zu ersetzen und mit einer deutlich schlankeren, edlen Desinglösung zu glänzen. Dementsprechend ist die einzige Verbindung, die neben der Stromzufuhr notwendig ist, eigentlich ein Ethernetkabel. Musik kommt über das Netzwerk vom passenden NAS und wird dann vom verbauten Streamer für die bereits erwähnte Audiotechnik aufbereitet. Von MP3 über FLAC und ALAC bis hin zu WAV verarbeitet das System eine ganze Reihe von Formaten mit Abtastraten und Bittiefen von bis zu 192 kHz bei 24 Bit und ist damit vollkommen HiRes-tauglich. Doch auch aus den Weiten des Internets kann Karlotta ihre musikalischen Daten beziehen. Neben einem Internetradioservice sind nämlich die beiden audiophilen Streamingdienste Tidal und Qobuz direkt in das System und die passende Bedien-App integriert, inklusive aller Funktionen wie den Neuheiten und den kuratierten Playlisten. Doch sollte man als Musikfreund tatsächlich umsteigen, die bestehenden Komponenten aus dem Rack entfernen und Karlotta den prominenten Platz im Wohnzimmer einräumen? Wäre nicht mit klanglichen Einbußen zurechnen? Solche Befürchtungen zerstreuten sich beim Test schnell, denn der Sound, den Karlotta entwickelt habe ich wirklich lieben gelernt. Dynamik, Offenheit, Punch und Präzision des edlen Systems überzeugten bereits ab den ersten gespielten Takten. Die Keramiktreiber schaff en es stets, genau auf den Punkt anzusetzen und jede Note enorm definiert zu übertragen, was zu einer tollen Detailwiedergabe führte, bei der Nutzer auf jeden Fall Vertrauen in die Qualität ihrer Bibliothek haben müssen. Hier wird wenig verziehen und jeder Fehler in der Abmischung gnadenlos ans Licht befördert. So ist es möglich, tatsächlich voll in die Musik einzutauchen und sich mitreißen zu lassen. Trotz ihrer Größe bietet Karlotta die Qualitäten eines Studiomonitors, jedoch ohne dass irgendwann die übliche Ermüdung einsetzt. Ein wunderbarer, druckvoller Sound über die verschiedenen Frequenzbereiche hinweg, der sich vom deutlich gefälligeren Klang der Stereomaster-Systeme ziemlich deutlich unterscheidet und damit klar eher in Richtung HiFi als Design zielt. Beide Welten bleiben hier zwar nach wie vor verbunden, doch bei Karlotta steht die Musik klar im Vordergrund.

Philipp Schneckenburger